Das österreichische Gesundheits­wesen wird gerne als „eines der besten der Welt“ bezeichnet und PolitikerInnen werden nicht müde, ihren WählerInnen zu versichern, dass es hierzulande keine Zwei-­Klassen-Medizin gibt.

Das vorliegende „inform“ ist leider voll mit Fakten, die derlei Beteuerungen als leere Worthülsen entlarven.

Es häufen sich die Fälle, in denen Kindern wie geriatrischen PatientInnen die notwendigen (und ärztlich verordneten) Therapien – von Physio- über Ergo- bis Psychotherapien – verweigert werden. Genauer gesagt: Die Krankenkassen lehnen eine Übernahme der Kosten ab, was einer Verweigerung gleichkommt, denn viele Betroffene können es sich einfach nicht leisten, diese Therapien aus der eigenen Tasche zu bezahlen.

Die Begründungen sind zum Teil zynisch: Es sei keine wesent­liche Besserung oder Heilung durch die Therapien zu erwarten. Wenn dies das entscheidende Kriterium ist, müsste man ab heute auf alle palliativen Therapiemaßnahmen verzichten und vielleicht auch Hospizeinrichtungen zusperren? Aber noch ­haben wir eine gesetzliche Grundlage, die PatientInnen auch ein Recht auf medizinische/therapeutische Betreuung einräumt, wenn sie auf Erhaltung des Gesundheitszustandes und Hintanhaltung von Verschlechterungen abzielt.

Noch subtiler und von den Betroffenen meist unbemerkt erfolgt derzeit eine Qualitätsminderung bei der Betreuung von DiabetikerInnen. Dort wird ein flächendeckendes Betreuungs- und Schulungsprogramm installiert (inklusive Bewegungsprogramm), von dem die PhysiotherapeutInnen ausgeschlossen sind. Bei aller Hochachtung vor DiätologInnen und DiplomkrankenpflegerInnen (die in das Programm integriert sind): Die Spezialisten für Bewegung sind noch immer die Physio­therapeutInnen.

Auch das entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Ein Physio­therapeut schult am bfi Pflegepersonal im Rahmen der DiabetesberaterInnenausbildung, aber eine physiotherapeutische Betreuung der PatientInnen ist von der Krankenkasse nicht vorgesehen obwohl die aktuelle Evidenz den Nutzen eines adäquaten körperlichen Trainings deutlich zeigt.

Bei der jüngsten Generalversammlung von Physio Austria führten wir eine intensive Diskussion über einen weiteren Aspekt unseres Berufsbildes – Physiotherapie im Palliativbereich. ­Anlass dafür war nicht zuletzt das auch international viel beachtete Physiotherapie-Premeeting im Rahmen des Europäischen Palliativkongresses in Wien (siehe auch Seite 16). Kernpunkt dabei war, dass es auch zur Aufgabe der PhysiotherapeutInnen zählt, Lebensqualität (am Ende des Lebens) zu erhalten. Der deutsche Kollege und Pionier in Sachen „Physiotherapie in der Palliativbetreuung“, Peter Nieland, formulierte dazu pointiert: „Es gehört auch zur Würde eines Menschen, eine Tasse selbst heben zu können“.

Es scheint so, als müssten die Gesundheitsberufe – und damit auch die PhysiotherapeutInnen – ihrem Berufsbild noch eine weitere Funktion hinzufügen: Die Anwaltschaft für Patienten­ansprüche und -rechte zu übernehmen.

Silvia Mériaux-Kratochvila, M.Ed., PT
Präsidentin

Silvia Mériaux-Kratochvila, M.Ed., PT

Silvia Mériaux-Kratochvila, M.Ed., PT

Präsidentin des Berufsverbandes Physio Austria

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