Eleonore Joan Klee ist seit rund 30 Jahren Physiotherapeutin. Bis heute weigert sie sich, dies als ihren „Job“ zu bezeichnen. Für die geborene US-Amerikanerin, Vorsitzende des Landesverbandes Tirol und Physio Austria-Beiratsmitglied ist Physio­therapie eine „profession“. – Und das ist etwas ganz anderes als simples Handwerkszeug und Broterwerb.

Aus dieser Sichtweise heraus, sagt Klee, ist für sie vieles selbstverständlich. „Man kann doch nicht sich und seinen Beruf ernst nehmen und nicht beim Berufsverband sein.“ Joan Klee nimmt auch ihre Verbandszugehörigkeit ernst. Seit sie vor rund 20 Jahren Schriftführerin des Tiroler Freiberuflichen-Vereins wurde, hat sie bis heute stets eine Funktion in der Berufsvertretung ausgeübt. „Da ist ein Stück Idealismus und ein Stück Notwendigkeit dabei“, so Klee. – Eine Mischung, die Klees Leben aufregend bunt macht.

Weil ihr Vater als UNO-Beamter berufsbedingt in die damals neue Wiener UNO-City übersiedelte, zog auch die 14-jährige Joan mit ihrer Familie in die Bundeshauptstadt. Das Gastspiel dauerte nicht lange. Mr. Klee übersiedelte abermals – ins UNO-Quartier in Genf. Um nicht schon wieder in einen neuen Sprachraum (nach Deutsch Französisch) ziehen zu müssen, die Entfernung zum Vater aber möglichst gering zu halten, wurde Tirol als neuer Familiensitz gewählt.

Joan Klees Kindheitstraum – „seit ich acht Jahre alt war wollte ich Kinder- oder Tierärztin werden“ – war damit jedenfalls ausgeträumt. Als amerikanische Staatsbürgerin war ihr der Zugang zum Medizinstudium in Österreich verwehrt. Joan Klee suchte sich einen Job, bis ihr eine Broschüre über Physiotherapie in die Hände fiel. Gemeinsam mit ihrer Schwester, die dann Ergotherapeutin wurde, bewarb sie sich um einen Ausbildungsplatz und tauschte, weil mittlerweile volljährig, die US- gegen eine österreichische Staats­bürgerschaft ein.

Joan Klee hat ihren Kindheitstraum auf andere Weise verwirklicht. Die geprüfte Gebrauchshundeführerin nahm „zum Entsetzen meiner Mutter“ aus Spanien drei gepeinigte und daher problematische Chow-Chows in Obhut. Zwischenzeitlich beherbergte sie im Haus der Großfamilie Klee „mit Neffen und Nichten“ in Rietz (rund 30 km außerhalb von Innsbruck) fünf Hunde und zwei Katzen.

In ihrer Physiotherapie-Praxis in Innsbruck drücken sich hauptsächlich junge Eltern die Klinke in die Hand: 70 Prozent ihrer PatientInnen sind Kinder unter zwei Jahren. Viele haben eine traumatische Geburt (Notfall-Kaiserschnitt) hinter sich. Häufige Diagnosen sind: Beckenschiefstellung, Schiefhals, Frakturen. Aber auch neurologische PatientInnen, Unfallopfer oder junge AsthmatikerInnen sind dabei.

Joan Klee braucht „im Normalfall fünf bis zehn Minuten, um mit den Babies einen Dialog aufzubauen. Dann beginnen sie zu plaudern und durch ihre Körpersprache zeigen sie, was sie brauchen.“ Voraussetzung ist, „dass ich bei mir selbst bleibe und mir nicht einbilde, von mir aus zu wissen, was ihnen gut tut“.

Letztlich sei in der Pädiatrie aber „alles sinnlos ohne interdisziplinäre Zusammenarbeit“, ist Klee überzeugt, die sechs Jahre lang an der Innsbrucker Kinderklinik intensiv mit LogopädInnen, ErgotherapeutInnen und KinderärztInnen zusammenarbeitete.

Interdisziplinarität schützt freilich nicht vor Emanzipation. Das Problem der MTD-Berufe ist, glaubt Klee, dass sie „alle als Assistenzberufe begonnen haben. Jetzt ist es an der Zeit, sich als ‚Health Professional‘ zu emanzipieren.“

Emanzipation schützt aber auch nicht vor Überheblichkeit. „Manche junge KollegInnen, die gerade ihre Ausbildung abgeschlossen haben, schießen auch über das Ziel, wenn sie meinen ‚was brauch ich einen Arzt‘“.

Wenn Joan Klee in ihrem Schatz von 30 Jahren Berufserfahrung wühlt – „ich hasse Papierkram und bin daher schlecht im Organisieren“ – kommt Weisheit zwischen Notwendigkeit und Idealismus zum Vorschein: Mitunter sei ein wenig mehr Demut gegenüber den PatientInnen angebracht. Berufspolitik sei mehr als Freiberuflichen-Vertretung. Der Dialog mit ÄrztInnen sei vor allem dort möglich, wo es Überschneidungen gibt.

Im Hause Klee ist mittlerweile der nächste Chow-Chow „im Anmarsch“. – Natürlich ein Problemhund. Denn „es wäre schade, wenn jemand, der so viel weiß wie ich, keinen Problemhund nimmt“, erklärt Klee.

Und irgendwann wird die Amerikanerin wohl wieder aus Tirol ausziehen und nach Wien zurückkehren – schon allein, um hier in die Oper gehen zu können.

Otto Havelka

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