Pilatestraining – eine wertvolle Ergänzung
Der Name stammt vom Begründer der Methode, Joseph Hubertus Pilates. Er wurde 1880 in Düsseldorf/Deutschland geboren. Bereits in seiner frühen Jugend betrieb er auf Grund seiner schwächlichen Konstitution zahlreiche Sportarten zur körperlichen Ertüchtigung. Im Alter von 14 Jahren posierte J.H. Pilates für anatomische Darstellungen, 1912 ging er nach England, wo er seinen Lebensunterhalt als Artist, Schiläufer, Boxer, Turner und Lehrer für Selbstverteidigungstechniken verdiente. Während des ersten Weltkrieges arbeitete er als Pfleger in einem Lager, in dem er Kriegsversehrte unter anderem mit einem von ihm entwickelten Trainingsgerät rehabilitierte. Nach Kriegsende kehrte Pilates nach Deutschland zurück, wo er seine Trainingsmethode weiterentwickelte. 1926 wanderte er nach Amerika aus, wo er auf der Überfahrt seine zukünftige Ehefrau Clara, mit der er später ein Studio in New York eröffnete, traf. Schon bald etablierte sich Pilates mit seiner speziellen Trainingsform unter Tänzern. Später trainierten auch andere darstellende Künstler und Athleten nach seiner Methode.
Inspiriert wurde Pilates sowohl von westlichen, als auch von östlichen Philosophien. So kombinierte er beispielsweise Atem- und Dehntechniken des Yoga mit dynamischen Techniken der Gymnastik.
Die folgenden sechs Prinzipien bezeichnete Joseph H. Pilates als Fundament seiner Trainingsmethode.
Zentrierung
Der Ursprung jeder Bewegung ist eine starke Körpermitte („Powerhouse“). Diese zu kräftigen ist das vorrangige Ziel der Pilatesmethode und die Grundvoraussetzung für ein effektives Training. Bauch- und Gesäßmuskulatur, untere Lendenwirbelsäule und der Beckenboden sind die anatomischen Begrenzungen des „Powerhouse“. Durch die Anspannung der beteiligten Muskeln wird die Wirbelsäule gestützt, der Rumpf stabilisiert, gestreckt, aufgerichtet und somit Haltung und Gleichgewicht verbessert.
Atmung
Vor allem da Joseph Pilates selbst Asthma krank war, legte er größten Wert auf eine physiologische Atmung. Er verstand darunter tiefe und volle Atemzüge. In ihrer heute gelehrten Form wird die von Pilates angewandte Atemtechnik als seitliche Brustkorb- oder Zwerchfellatmung bezeichnet. Während des Trainings sollte die Luft nie angehalten und der persönliche Atemrhythmus stets beibehalten werden. Als Grundregel gilt, in der Startposition durch die Nase einzuatmen und während der Bewegung wahlweise durch Nase oder Mund auszuatmen.
Kontrolle
Der von Pilates verwendete Begriff „contrology“ lässt sich nicht allein mit Körperbeherrschung gleichsetzen. Pilates forderte die Kontrolle über Körper und Geist. Jede Bewegung sollte vor ihrer Ausführung bewusst gemacht, geplant und sorgfältig ausgeführt werden. Fortschritte können dadurch schneller festgestellt, das Verletzungsrisiko verringert werden.
Konzentration
Die Aufmerksamkeit darf während des Trainings in keinem Moment nachlassen. Bei jeder Bewegung soll ein innerer Dialog mit dem eigenen Körper stattfinden, um dann jeden Bewegungsschritt sorgfältig überlegt, visualisiert und anschließend konzentriert auszuführen.
Präzision
Neben Kontrolle und Konzentration erhöht eine präzise Ausführung den Nutzen der Übungen für den Körper. In keinem Fall dürfen Details ausgespart werden.
Bewegungsfluss
Ein harmonischer Bewegungsfluss soll nicht nur innerhalb einer Übung, sondern auch zwischen den einzelnen Übungen gewahrt bleiben. Das von der eingesetzten Energie abhängige innere Tempo bestimmt den Ablauf bzw. den Rhythmus der Bewegungen. Die persönliche Leistungsfähigkeit muss dabei berücksichtigt und durch Training erweitert werden.
Um das Training nach Pilates medizinisch beurteilen zu können, ist auf die Erkenntnisse der Arbeiten von Hodges, Richardson und Sapsford zu verweisen. Diese untersuchten die Wichtigkeit einer gelungenen Kooperation aller beteiligten Muskelgruppen an der Stabilität des Rumpfes. Im Speziellen konnte gezeigt werden, dass vor allem der M. transversus abdominis, die Mm. multifidii und die Beckenbodenmuskulatur als Tiefenstabilisatoren eine wichtige synergistische Zusammenarbeit aufweisen.
Weiters konnten ihre Studien verdeutlichen, dass die Tiefenstabilisatoren eine antizipatorische Vorspannung bei Bewegungen der Extremitäten aufbauen. Diese Aktivität ist bei RückenschmerzpatientInnen jedoch verlangsamt oder fehlend. Auch bei PatientInnen mit Harninkontinenzsymptomen zeigt sich nicht nur ein Fehlen der antizipatorischen Vorspannung. Als Folge kann die Beckenbodenmuskulatur ihre lagesichernde Aufgabe für die Organe im kleinen Becken nicht erfüllen.
Nach der Definition der International Continence Society (ICS) bestehen die Aufgaben des Beckenbodens darin, die Lage der Organe im kleinen Becken zu stabilisieren, die Ausscheidungsfunktionen zu ermöglichen und Harn- und Stuhlkontinenz zu gewährleisten.
Eine eingeschränkte Kontraktion der Beckenbodenmuskulatur führt zu einer Instabilität im lumbosakralen Übergang durch die fehlende Dorsalnutation des Sakrums. Dies zeigt sich besonders bei Gewichtsverlagerungen im Stand.
Die enge Verbindung von Harninkontinenz und Rückenbeschwerden lässt sich auch durch eine aktuelle empirische Studie untermauern. So gaben 200 Frauen im Alter von 17 bis 45 Jahren, die an einer physikalischen Institution aufgrund von Rückenbeschwerden vorstellig waren, in 83 % der Fälle auch Harninkontinenzsymptome an.
Im physiotherapeutischen Behandlungssetting zur Beckenbodenrehabilitation erfolgt nach einem selektiven Muskelaufbautraining die Phase der bewussten Aktivierung der Beckenbodenmuskulatur gemeinsam mit der tiefen Rumpfmuskulatur. Das nächste Ziel ist das Automatisieren der synergistischen Aktivitäten der dabei beteiligten Muskelgruppen bei Bewegungen.
Speziell diese Phase der Beckenbodenrehabilitation kann mit einem Training nach J. H. Pilates begleitet werden. Im Pilatestraining werden nicht nur Beweglichkeit, Kraft, Ausdauer, Koordination und Konzentrationsfähigkeit verbessert; es werden auch Wahrnehmung, Körperhaltung und Atmung geschult. Die genau definierten Atembewegungen, die zu den Körperbewegungen synchron angeleitet werden, trainieren nicht nur mit jedem Atemzug die Mm. obliquii und den M. transversus abdominis konzentrisch und exzentrisch, sondern verhindern auch das Aufbauen eines unphysiologisch hohen intraabdominalen Druckes durch das Anhalten der Atmung bei Anstrengung. Die Wiederholungszahl der einzelnen Übungen wird bewusst gering gehalten, um einer Ermüdung, die zu einer Instabilität in den Wirbelsegmenten und einer damit verbundenen Belastung der passiven Strukturen führen würde, vorzubeugen. Die korrekte Einhaltung der Ausgangs- und Endstellungen muss durch den Trainer stets kontrolliert und korrigiert werden.
Hier liegt der größte Nachteil und eine Schwachstelle des Pilatestrainings: Der Mangel an gut geschulten Instruktoren und die oft zu große Anzahl an Trainingsgruppenmitgliedern. Um als PilatestrainerIn arbeiten zu können, genügen oft schon wenige Tage, in denen einzelne Übungen aus dem Konzept vermittelt werden.
Es wäre wichtig, die Ausbildung verpflichtend zu zertifizieren und markenrechtlich zu schützen. Dies wurde leider verabsäumt.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Pilatestraining eine wertvolle Ergänzung zur Perfektionierung und Automatisierung des Einsatzes der Beckenbodenmuskulatur und den tiefen Rumpfmuskeln in sportlichen Bewegungsabläufen und in weiterer Folge in Alltagsbewegungen sein kann.
Zu Optimierung dieses Effektes ist es wichtig, das Training bei einem entsprechend ausgebildeten Trainer nach vorangehender Kontrolle der Fähigkeit zu einer korrekten Kontraktion der Beckenbodenmuskulatur zu absolvieren.
Elisabeth Pulker, PT
Elisabeth Pulker, PT
Absolventin der Akademie für Physiotherapie in Wien (1989) |

